{"id":1411,"date":"2021-01-20T17:02:45","date_gmt":"2021-01-20T17:02:45","guid":{"rendered":"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=1411"},"modified":"2021-01-20T17:02:45","modified_gmt":"2021-01-20T17:02:45","slug":"kuba-kuenstler-gegen-die-diktatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=1411","title":{"rendered":"Kuba: K\u00fcnstler gegen die Diktatur"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kuba:<br>K\u00fcnstler gegen die Diktatur<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Movimiento San Isidro (MSI) (Deutsch: Bewegung des Heiligen Isidors) ist ein von Luis Manuel Otero Alcantara im Jahr 2018 gegr\u00fcndeter Zusammenschluss von unabh\u00e4ngigen K\u00fcnstlern. Der Name zeugt nicht etwa von dem katholischen Glauben der K\u00fcnstler, sondern ist geografischer Natur. San Isidro ist der Name des Viertels in der Altstadt von Havanna, in dem sich der Sitz der Organisation befindet.<br><br>Gegr\u00fcndet wurde das MSI als Reaktion auf das Dekret 349 der kubanischen Regierung, das im Jahr 2018 beschlossen wurde und welches die Kunstfreiheit in Kuba noch weiter einschr\u00e4nkte. In den Jahren vor dem Dekret entstand auf Kuba, trotz aller bestehenden Beschr\u00e4nkungen, eine lebhafte, unabh\u00e4ngige Kunstszene, die eng mit dem aufstrebenden Privatsektor der Insel verbunden war. Musiker spielten in privaten Restaurants und Bars, K\u00fcnstler stellten ihre Kunst in Privatwohnungen aus oder luden zu einer Vernissage in einem privaten Restaurant. Es gab auch private Theater- und Filmvorf\u00fchrungen. Ebenso entstanden kleine private Galerien und ein Markt f\u00fcr Kunst, der au\u00dferhalb der staatlichen Kontrolle und Zensur lag.<br><br>Leider ist dem kubanischen Regime alles was es nicht kontrolliert ein Dorn im Auge. Das Dekret 349 schreibt somit f\u00fcr jegliche \u00f6ffentliche Darbietung von Kunst eine Genehmigung vor. Laut dem Dekret ist diese nur zu erteilen, wenn die Kunst mit der \u201eKulturpolitik der Revolution\u201c \u00fcbereinstimmt. \u00d6ffentliche k\u00fcnstlerische Darbietung ohne Genehmigung sind verboten und k\u00f6nnen von der Polizei aufgel\u00f6st werden. In der Praxis bedeutet dies eine extrem willk\u00fcrliche Handhabung des Genehmigungsverfahrens und das Aus von jeglicher regimekritischer Kunst auf Kuba.<br>Aus Protest gegen diese Drangsalierung gr\u00fcndete Luis Manuel Ortero Alcantara das MSI. Bereits kurz nach der Gr\u00fcndung machte die Bewegung durch \u00f6ffentliche Protestaktionen gegen das Dekret 349 auf sich Aufmerksam. Danach wurde es eine Zeit lang ruhiger um das K\u00fcnstlerkollektiv, bis es im November 2020 wieder international Aufmerksamkeit erregte.<br><br>Der regimekritische Rapper Denis Solis war verhaftet und zu 8 Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt worden. Das staatliche kubanische Institut des Raps erkennt ihn nicht als Rapper an. Er hat ein Auftrittsverbot und seine Lieder werden Niemals im Radio gespielt, da sie die Castro-Diktatur kritisieren. F\u00fcr die kubanischen Beh\u00f6rden ist der aus schwierigen Verh\u00e4ltnissen stammende Denis Solis einfach ein Asozialer. Aus bisher ungekl\u00e4rten Gr\u00fcnden drang ein Polizist ohne Durchsuchungsbefehl in seine Wohnung ein. Er filmte den Vorgang auf seinem Handy und streamte Alles live auf Facebook. In dem Video ist zu sehen wie er den Polizisten w\u00fcst beschimpft, was ihm schlie\u00dflich zum Verh\u00e4ngnis wurde. Die Anklage gegen ihn lautete auf Widerstand gegen die Staatsanwalt und das Schnellverfahren endetet mit einer Verurteilung zu 8 Monaten Haft.<br><br>Schon kurz nach seiner Verhaftung versammelten sich die Mitglieder des MSI aus Solidarit\u00e4t mit Denis Solis vor der Polizeiwache in der er festgehalten wurde. Nach seiner Verurteilung verbarrikadierten sich die K\u00fcnstler im Sitz der Bewegung und einige Mitglieder begannen einen Hungerstreik. Damit hatte das Regime anscheinend nicht gerechnet, und es wusste zun\u00e4chst nicht, wie es sich verhalten sollte. Nachdem man die Aktivisten beinahe eine Woche lang gew\u00e4hren lies, benutzte man am 16. November den Vorwand eines Covid-19 Tests um sich Zugang zum Geb\u00e4ude zu verschaffen. Unter den wei\u00dfen \u00c4rztekitteln versteckten sich Polizisten, die die Aktivisten unter Gewaltanwendung abf\u00fchrten.<br>Zwar wurden diese schnell wieder auf freien Fu\u00df gesetzt, es rumorte in Kuba jedoch gewaltig. Am n\u00e4chsten Tag, den 27. November, versammelten sich 300 K\u00fcnstler vor dem Kulturministerium und forderten ein Ende der Repressionen gegen das MSI und einen Dialog \u00fcber die Kunstfreiheit in Kuba. Einige die sich dort versammelten waren zwar bekannte kritische K\u00fcnstler wie z.B. Tania Bruguera, aber es waren auch eine ganze Reihe von K\u00fcnstlern dort, die vorher nie durch politische \u00c4u\u00dferungen aufgefallen waren. Der sehr erfolgreiche kubanische Pop-S\u00e4nger Leoni Torres war ebenso vor Ort wie der auch international bekannte Schauspieler Jorge Perugorria (Netflix: Fours Seasons in Havanna). Neben ihrem Talent verdanken beide M\u00e4nner ihrem Erfolg auch dem Umstand, dass sie bis jetzt zu politischen Fragen immer geschwiegen haben. H\u00e4tten sie schon fr\u00fcher offen Kritik am Regime ge\u00fcbt, w\u00e4ren sie auf Kuba niemals so ber\u00fchmt und erfolgreich geworden. Wie viele andere Kubaner h\u00e4tten auch sie ihr Gl\u00fcck im Exil suchen m\u00fcssen.<br><br>Dass sich so viele unpolitische K\u00fcnstler an der Aktion beteiligt haben, ist definitiv ein Novum f\u00fcr Kuba. \u00dcberhaupt sind \u00f6ffentliche, kritische Demonstrationen eine absolute Seltenheit in dem kommunistischen Land. Ein solcher Akt kann auf Kuba ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen, die von Berufsverboten bis zu Haftstrafen reichen. F\u00fcr die beteiligten K\u00fcnstler, aber insbesondere f\u00fcr die Unpolitischen unter ihnen, stellt die Teilnahme an einer solchen Demonstration also ein erhebliches Risiko da. Es gibt keine Garantie, dass ihre Lieder noch im Radio gespielt werden oder sie noch Rollen in Serien oder Spielfilmen angeboten bekommen. Dennoch haben sich viele von ihnen zu diesem Schritt entschlossen. Die Unzufriedenheit \u00fcber die Zust\u00e4nde in Kuba ist anscheinend mittlerweile gr\u00f6\u00dfer als die Angst vor Repressalien.<br>Das kubanische Regime wurde von dieser Art von spontanen Widerstand zun\u00e4chst \u00fcberrumpelt. Die Machthaber sind es gewohnt, dass die Kubaner alles kritiklos hinnehmen. Mit den wenigen Kritikern im Land wird die Staatssicherheit, die nicht nur den Namen, sondern auch die Methoden in der DDR gelernt hat, problemlos fertig. Aber wie sollte man mit hunderten Kubanern, die friedlich vor einem Ministerium demonstrieren, blo\u00df umgehen? Stundenlang geschah erstmal \u00fcberhaupt nichts, w\u00e4hrend die Menschenmenge vor dem Kulturministerium immer gr\u00f6\u00dfer wurde. Sp\u00e4t in der Nacht geschah dann das Unglaubliche: Das Regime ging tats\u00e4chlich auf die Forderungen der Demonstranten ein. Der Vize-Minister f\u00fcr Kultur traf sich mit einigen von ihnen und stimmte dem geforderten Dialog zu. Dar\u00fcber hinaus wurde vereinbart die Repressalien gegen das MSI einzustellen und das Dekret 349 zu \u00fcberarbeiten. Ebenso sollte die Haftstrafe von Denis Solis \u00fcberpr\u00fcft werden. Die Demonstranten gingen zufrieden und friedlich wieder nach Hause.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"642\" src=\"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-von-iOS.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1412\" srcset=\"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-von-iOS.jpg 1024w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-von-iOS-300x188.jpg 300w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Bild-von-iOS-768x482.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Aktive der San Isidro Bewegung (MSI).<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das war allerdings genau das, was das Regime erreichen wollte. Eine gro\u00dfe Menschenmenge vor einem Ministerium kann man nur einsch\u00fcchtern in dem man Gewalt anwendet. Das gibt aber auf der ganzen Welt sehr unsch\u00f6ne Bilder und Schlagzeilen. Sind die Menschen erstmal alle wieder alleine zu Hause kann man dagegen die bew\u00e4hrten Stasi-Methoden anwenden, die zwar kaum Aufmerksamkeit erregen, aber ihre Wirkung nur selten verfehlen. Aus diesem Grunde k\u00fcndigte das Regime die Vereinbarung mit den Demonstranten nach nur 2 Tagen einseitig. Gleichzeitig begann eine gro\u00dfangelegte Medienkampagne gegen Denis Solis, das MSI und die Teilnehmer der Demonstration, von denen sich viele nun Movimiento 27-N nannten (Bewegung des 27. November). Denis Solis und das MSI seien von der CIA bezahlte S\u00f6ldner, die auf Kuba versuchen w\u00fcrden einen Regime-Change durchzuf\u00fchren. Die Hauptnachrichten des kubanischen Fernsehens befassen sich seit Ende November immer wieder mit den Mitgliedern des MSI und diffamieren sie auf \u00fcbelste Weise. Die Teilnehmer der Demonstration, die vorher nicht durch Kritik am Regime aufgefallen waren, wurden als von \u00a0Desinformation manipulierte Unwissende dargestellt. Neben dieser medialen Hetzkampagne sind die Mitglieder des MSI t\u00e4glichen Repressalien der Staatssicherheit ausgesetzt. Willk\u00fcrliche Verhaftungen sind ebenso an der Tagesordnung, wie Hausarrest und \u201espontane\u201c Beschimpfungen durch Gruppen \u201erevolution\u00e4rer B\u00fcrger\u201c.<br><br>Seit dem 27. November hat es auch erstmal keine weiteren Demonstrationen auf Kuba gegeben. Das Leben geht scheinbar seinen gewohnten Gang, nur dass die Versorgungslage immer schlechter wird. Neu ist auch, dass im Fernsehen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Opposition berichtet wird. Zwar ist diese Berichterstattung durchweg negativ und falsch, aber noch vor 1-2 Jahren w\u00e4re es komplett undenkbar gewesen, dass das Staatsfernsehen die Opposition \u00fcberhaupt mit nur einem Wort erw\u00e4hnt. Fr\u00fcher wurden die \u00a0Oppositionellen einfach totgeschwiegen. Daf\u00fcr sind sie jetzt zu laut geworden.<br><br><br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kuba:K\u00fcnstler gegen die Diktatur Das Movimiento San Isidro (MSI) (Deutsch: Bewegung des Heiligen Isidors) ist ein von Luis Manuel Otero Alcantara im Jahr 2018 gegr\u00fcndeter Zusammenschluss von unabh\u00e4ngigen K\u00fcnstlern. Der Name zeugt nicht etwa von dem katholischen Glauben der K\u00fcnstler, sondern ist geografischer Natur. 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