{"id":1418,"date":"2021-02-24T09:56:11","date_gmt":"2021-02-24T09:56:11","guid":{"rendered":"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=1418"},"modified":"2021-02-24T13:59:28","modified_gmt":"2021-02-24T13:59:28","slug":"performances-pompidou-polizeigewahrsam-wer-ist-luisma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=1418","title":{"rendered":"Performances, Pompidou, Polizeigewahrsam: Wer ist Luisma?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Performances, Pompidou, Polizeigewahrsam: Wer ist Luisma?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Luis Manuel Otero Alcantara, seine Freunde nennen ihn Luisma, ist einer der Stars der kritischen Kubanischen Kunstszene. Geboren wurde er am 2. Dezember 1987 in einem Armenviertel des Stadtteils Cerro in Havanna. Er stammt aus schwierigen Verh\u00e4ltnissen. Sein Vater war ein Krimineller, der immer mal wieder f\u00fcr Jahre im Gef\u00e4ngnis sa\u00df. Seine Mutter musste ihn quasi alleine gro\u00dfziehen. Die Gegend in der er Aufwuchs ist arm und gef\u00e4hrlich. Niedrige, heruntergekommene H\u00e4user pr\u00e4gen das Viertel ebenso wie Drogen, Gewalt und Kriminalit\u00e4t. Streitigkeiten unter Anwohnern werden oft mit der Machete ausgetragen, und die Einwohner der besseren Viertel meiden diese Gegend um jeden&nbsp; Preis.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_1-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1419\" srcset=\"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_1-300x300.jpg 300w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_1-150x150.jpg 150w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_1-768x768.jpg 768w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_1.jpg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Luis Manuel Otero Alcantara w\u00e4hrend einer Performance mit der kubanischen Flagge vor dem Kapitol in Havanna<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hinzu kam, dass die 90er Jahre eine \u00fcberaus schwierige Zeit in Kuba waren. Nachdem Zusammenbruch des Ostblock und dem Ende der Subventionen versank das Land in einer beispiellosen Wirtschaftskrise, die zu viel Not und Verzweiflung f\u00fchrte. Es mangelte an Allem, Strom gab es nur f\u00fcr wenige Stunden am Tag und der kleine Luisma bekam nie sonderlich viel zu Essen. Als Schulkind besa\u00df er f\u00fcr lange Zeit nur ein paar Schuhe, welches die meiste Zeit kaputt war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch zeigten sich jedoch seine Begabung und sein unabh\u00e4ngiger Geist: Er schnitze sich seine Spielzeuge selbst aus Holz und mit 10 fing er an zum Einkommen seiner Familie beizutragen. Zuerst s\u00e4uberte und verkaufte er Ziegelsteine aus den vielen Ruinen Havannas, die mangels neuen Baumaterials auf Kuba gerne wiederverwendet werden. Sp\u00e4ter verkaufte er dann selbst gebrannte DVDs. Als Jugendlicher interessierte er sich zun\u00e4chst f\u00fcr den Leistungssport. Darin sah er einen Weg raus aus der Armut. Er trainierte hart als Langstreckenl\u00e4ufer und war zun\u00e4chst sehr erfolgreich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Ende seiner Schulzeit hin faszinierte ihn aber die Kunst mehr als der Sport, insbesondere die bildenden K\u00fcnste. Er besuchte viele Ausstellungen und schlich sich in so manch eine Kunstvorlesung der Universit\u00e4t. Eine formale k\u00fcnstlerische Ausbildung hat Luisma jedoch nie genossen, er ist ein klassischer Autodidakt. Dies ist einer der Gr\u00fcnde warum der kubanische Staat, der sich das Recht herausnimmt zu entscheiden wer K\u00fcnstler ist oder was Kunst ist, ihn nie als K\u00fcnstler anerkannt hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Grund ist sein politischer Aktivismus. Bereits seine erste Ausstellung im Jahr 2011 war politisch. Holzfiguren, denen Beine oder Arme fehlten, symbolisierten die Verletzten der kubanischem Milit\u00e4rintervention in Angola, die tausende Opfer forderte. Internationale Bekanntheit erlangte er aber durch seine \u201ePerformances\u201c, Kunstaktionen im \u00f6ffentlichen Raum. Schon mit seiner ersten Performance im Jahr 2014 erregte er internationale Aufmerksamkeit. Er machte seiner us-amerikanischen Freundin in einem \u00f6ffentlichen WLAN-Hotspot einen Heiratsantrag, indem er ihr unter der musikalischen Begleitung von 2 Mariachis einen Striptease darbot. Das Video von dieser Performance ging viral, und die internationale Presse wurde auf ihn Aufmerksam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"623\" height=\"351\" src=\"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1420\" srcset=\"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_2.jpg 623w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_2-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><figcaption>Luis Manuel Otero Alcantara posiert aus Protest mit einem Schlaghammer vor einer Luxusboutique des neu er\u00f6ffneten Hotels Kempinski Havanna<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend diese Performance noch recht unpolitisch war und auch keine Verhaftung nach sich zog \u00e4nderte sich das mit der Zeit. Luisma begann mit seinen Performances auf Rassismus und soziale Ungleichheit in Kuba aufmerksam zu machen. Dinge, die es laut offizieller Lesart des sozialistischen Regimes auf Kuba eigentlich nicht mehr geben sollte.&nbsp; Im Jahr 2017 wurde er dann f\u00fcr eine Performance zum ersten mal verhaftet. Das Regime er\u00f6ffnete damals ein 5 Sterne Plus Luxushotel der Hotelkette Kempinski in der Altstadt von Havanna. Die Altstadt ist ein recht armes Viertel, mit maroder Bausubstanz und mangelnder Wasserversorgung. Oft st\u00fcrzen H\u00e4user ein und begraben die Bewohner unter den Tr\u00fcmmern, es gibt oft Wochenlang kein flie\u00dfendes Wasser. In genau dieser \u00e4rmlichen Gegend wurde nun also von einem sozialistischen Staat ein 5 Sterne Plus Luxushotel mit mehreren Swimmingpools und Edelboutiquen er\u00f6ffnet. Der Preis f\u00fcr eine Nacht in dem Hotel \u00fcbersteigt den durchschnittlichen Jahreslohn eines Kubaners.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Luisma veranstaltete gleich 3 Performances gegen diesen grotesken Affront. Da die Statue eines kubanischen Nationalhelden dem Hotel weichen musste, verkleidete er sich als diese Statue und stellte sich auf einen mitgebrachten Podest vor dem Eingang des Hotels. Binnen weniger Minuten wurde er von der Polizei in Gewahrsam genommen. Nach seiner Freilassung nahm er einen Schlaghammer und tat so als ob er aus Protest die Scheiben einer der Luxusboutiquen im Hotel zu zertr\u00fcmmere. Der Hammer ber\u00fchrte die Scheibe zwar nie, dennoch wurde er auch f\u00fcr diese Performance abermals festgenommen. Als letztes veranstaltete er vor dem Hotel eine Tombola bei der die armen Bewohner der Altstadt eine Nacht in dem Luxushotel gewinnen konnten. Auch diese Aktion endete f\u00fcr ihn im Polizeigewahrsam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>International steigerte sich jedoch seine Beliebtheit durch seine mutigen und kritischen Performances. Das Centre Georges Pompidou lud ihn im Jahr 2018 f\u00fcr eine Performance nach Paris ein. Die Performance \u201eDas Testament des Fidel Castros\u201c war ein ziemlicher Erfolg. F\u00fcr die Performance steckt ein als Fidel Castro verkleideter Luisma sein Testament in eine Havana Club Flasche und wirft sie als Flaschenpost ins Meer. Diese Flasche wird dann aus dem Meer gefischt und das selbstkritische Testament wird von ihm in Paris dem Publikum vorgelesen. Da in dem Testament auch von den Fehlern und den Verbrechen der kubanischen Revolution die Rede ist, war das Regime in Havanna nat\u00fcrlich alles andere als begeistert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Somit intensivierte es die Repressalien gegen den jungen K\u00fcnstler, der im Gegenzug immer kritischer gegen\u00fcber den Machthabern wurde. Weil diese Mithilfe des Dekrets 349 die Kunstfreiheit in Kuba noch st\u00e4rker als bisher einschr\u00e4nkten, gr\u00fcndete Luisma das Movimiento San Isidro, eine Bewegung regierungskritischer Aktivisten. Seine Performances haben immer 3 Dinge gemein. Sie sind immer politisch und enden immer im Polizeigewahrsam, obwohl sie immer friedlich sind. Die Themen sind dagegen vielf\u00e4ltig. Seien es die einst\u00fcrzenden H\u00e4user in der Altstadt oder die Homophobie des kubanischen Staatsfernsehens, das K\u00fcsse zwischen M\u00e4nner gerne rausschneidet: Es sind die Ungerechtigkeiten der Diktatur, die ihn inspirieren und antreiben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wurde er sowohl im In und Ausland immer bekannter. Erstaunlicherweise sorgt daf\u00fcr auch das Regime. Denn seit seinem Hungerstreik wegen der Inhaftierung von Denis Solis und der Protestaktion der K\u00fcnstler am 27. November 2020 sieht er sich regelm\u00e4\u00dfig einer gro\u00df-angelegten Diffamierungskampagne der kubanischen Staatsmedien ausgesetzt. Ob Radio, Fernsehen oder Zeitung, sie alle werden nicht m\u00fcde ihn als von den USA bezahlten S\u00f6ldner darzustellen. Das hat den unbeabsichtigten Nebeneffekt, dass fast jeder Kubaner mittlerweile seinen Namen kennt. Im Ausland sorgt diese Hetzkampagne ebenfalls f\u00fcr mehr Aufmerksamkeit und au\u00dferdem f\u00fcr viel Solidarit\u00e4t.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Autor: Fernando Rivas<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Performances, Pompidou, Polizeigewahrsam: Wer ist Luisma? Luis Manuel Otero Alcantara, seine Freunde nennen ihn Luisma, ist einer der Stars der kritischen Kubanischen Kunstszene. Geboren wurde er am 2. Dezember 1987 in einem Armenviertel des Stadtteils Cerro in Havanna. Er stammt aus schwierigen Verh\u00e4ltnissen. 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