{"id":2369,"date":"2022-04-21T09:23:30","date_gmt":"2022-04-21T09:23:30","guid":{"rendered":"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=2369"},"modified":"2022-04-21T09:26:03","modified_gmt":"2022-04-21T09:26:03","slug":"2369","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=2369","title":{"rendered":"Vom Arbeitslager ins Axel Hotel"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Devisenbringer willkommen \u2013 LGBT-Kubaner weiter diskriminiert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Altstadt von Havanna wurde ein neues Hotel er\u00f6ffnet. Das Axel-Hotel ist das erste Hotel in Kuba das offiziell LGBT-friendly ist. Kritiker sehen dies als einen weiteren Versuch des \u201ePink-Washings\u201c einer homophoben Diktatur und Gesellschaft. Die Zeiten, in denen das Regime Schwule ins Arbeitslager steckte, sind zwar vorbei, aber noch nicht vergessen. Auch heute noch werden LGBT-Kubaner Opfer von Gewalt und Diskriminierung. Die Ehe f\u00fcr Alle gibt es in Kuba noch immer nicht und die Gesellschaft bleibt eine konservative Macho-Gesellschaft mit schlimmen Folgen f\u00fcr nicht heterosexuelle Kubaner. Das Regime m\u00f6chte aber nicht l\u00e4nger auf die Devisen der wohlhabenden LGBT-Touristen aus dem Kapitalismus verzichten und er\u00f6ffnet deshalb das Axel Hotel. Der kubanische Schriftsteller Jorge Angel Perez, der offen schwul in Havanna lebt, kommentiert dies f\u00fcr Botschafter f\u00fcr Menschenrechte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"623\" height=\"351\" src=\"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Hotel.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2371\" srcset=\"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Hotel.png 623w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Hotel-300x169.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><figcaption>Das Axel Hotel (ehemals Hotel Telegrafo) in der Altstadt von Havanna<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Arbeitslager ins Axel Hotel<\/strong><strong><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Jorge \u00c1ngel P\u00e9rez<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schrieb noch nicht f\u00fcr die oppositionelle Online-Zeitung Cubanet, als mein Freund, der Schriftsteller Albertico Ya\u00f1ez, ermordet wurde. Wir haben die genaue Todesursache nie erfahren. Wir haben nie erfahren, ob die Polizei richtig ermittelt hat und ob es ihr gelungen ist, die Identit\u00e4t seines M\u00f6rders festzustellen. Ger\u00fcchten zufolge soll es sich bei den M\u00f6rdern um zwei Soldaten gehandelt haben, obwohl wir nie erfahren haben, ob es sich um Polizisten oder Angeh\u00f6rige der Streitkr\u00e4fte handelte. Man sagte auch, dass seine enge Freundin, die Schauspielerin Susana P\u00e9rez, die letzte Person war, die ihn lebend gesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann passierten weitere Morde, \u00fcber die ich als Journalist bei Cubanet berichten konnte.&nbsp; Einer der Ermordeten war Yosvani, den seine Freunde &#8222;La Eterna&#8220; (die Ewige)&nbsp; nannten. Den Spitznamen bekam er, weil er es immer wieder schaffte sich von den Sekund\u00e4rinfektionen zu erholen, die ihn plagten, nachdem er sich mit HIV infiziert hatte. La Eterna \u00fcberlebte die Angriffe des t\u00f6dlichen Virus, aber nicht die Homophobie. La Eterna wurde in Pinar del Rio zu Tode gesteinigt.&nbsp; Sie schaffte es HIV zu trotzen, aber die vielen Steine und den vielen Hass konnte sie nicht \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem habe ich bei Cubanet den Mord an \u00c1ngel Herrera Oviedo am Strand &#8222;Playa del Chivo&#8220; angeprangert. \u00c1ngel hatte keinen anderen Ort als diesen Strand, an dem sich die M\u00e4nner zwischen den Mangroven lieben. \u00c1ngel hatte kein Bett mit sauberen Laken, in dass er sich mit einem anderen Mann legen konnte. Angel folgte der Kraft seines Begehrens und ging auf die Suche nach Sex und Liebe, fand aber den Tod. Die Mangroven verbargen die Identit\u00e4t des homophoben M\u00f6rders und dort, auf dem felsigen Boden, blieb ein toter Engel zur\u00fcck. Zu Hause wartet eine Mutter weiterhin vergeblich auf ihren Sohn.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Schriftsteller-768x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2372\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Schriftsteller-768x1024.png 768w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Schriftsteller-225x300.png 225w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Schriftsteller.png 780w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Der Schriftsteller Jorge Angel Perez mit seinem Hund Gogol.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Vielleicht weckt das Rauschen der Wellen, die sich am felsigen Ufer brechen und der Geruch von feuchter Erde Sehns\u00fcchte, aber sie sind niemals von Sicherheit begleitet. Die Sicherheit gibt es nur im Bett in den eigenen vier W\u00e4nden. In Kuba aber hat man nicht immer ein Zimmer und ein Bett, um Zeit mit einem Liebhaber zu verbringen, vor allem dann nicht, wenn es sich um zwei M\u00e4nner handelt. Aus diesem Grund suchen Homosexuelle in Kuba diese trostlosen Orte auf, die \u00f6ffentliche Toiletten, die D\u00e4cher und die vielen eingest\u00fcrzten H\u00e4user, die unsere St\u00e4dte langsam aber sicher zerst\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kuba haben nur sehr wenige Schwule ein eigenes Haus, viele haben nicht einmal ein eigenes Zimmer. In Kuba leben die Familien auf engstem Raum und streiten sich. Liebe und Sex finden nicht immer den besten Ort, die Privatsph\u00e4re, der die Liebe am besten sch\u00fctzt. In Kuba gibt es viele Hotels, aber nur wenige H\u00e4user. In Kuba k\u00f6nnen sich nur sehr wenige Menschen ein Hotelzimmer leisten. In Kuba ist Liebe sehr teuer. Sex ist auch sehr teuer. Am teuersten ist jedoch die homosexuelle Liebe. Fr\u00fcher bezahlte man sie mit Gef\u00e4ngnis oder Arbeitslager.<\/p>\n\n\n\n<p>In Havanna erf\u00fcllt man seine Lust in einer der vielen Ruinen.&nbsp; Ruinen wie der, auf der sp\u00e4ter das Luxushotel Iberostar Parque Central gebaut wurde. Inmitten der Tr\u00fcmmer und dem \u00fcblen Gestank des Sozialismus, entstand mit Geld aus dem kapitalistischen Spanien ein Palast f\u00fcr Touristen.&nbsp; Sex zwischen M\u00e4nnern findet in Havanna an schmutzigen und versteckten Orten statt.&nbsp; Orte, die m\u00f6glichst weit weg von der homophoben Polizei sind. In Havanna lieben sich M\u00e4nner im hinteren Teil eines Hotels, das heute ein Hotel f\u00fcr Homosexuelle ist. An der R\u00fcckwand des Axel-Hotels, jenes Hotels, das heute den schwulen Tourismus aufnimmt. Hinter diesem neuen Hotel, in dem M\u00e4nner nackt mit anderen M\u00e4nnern rummachen k\u00f6nnen, wenn sie daf\u00fcr viel Geld bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Axel Hotel, befindet sich im Besitz der Firma Gaviota. Die ist eine Tochtergesellschaft der GAESA-Gruppe, die dem kubanischen Milit\u00e4r geh\u00f6rt und vom Schwiegersohn Raul Castros verwaltet wird. Es bietet Schwulen viel Komfort. Aber nur f\u00fcr jene Schwule, die von \u00dcbersee kommen,&nbsp; aus L\u00e4ndern in denen andere Sprachen gesprochen werden, oder aus L\u00e4ndern die die selbe Sprache sprechen wie Kuba, aber nicht durch Sozialismus verarmt sind. Schwule Kubaner k\u00f6nnen das Axel Hotel nicht betreten weil der Preis f\u00fcr eine einzige Nacht ihr Monatsgehalt \u00fcbersteigt. Sie werden auch nicht das Hotel gegen\u00fcber betreten k\u00f6nnen, das Iberostar Parque Central, welches auf den Ruinen erbaut wurde wo sie sich fr\u00fcher geliebt haben.&nbsp; Sie haben sich in dieser Ruine geliebt, obwohl sie sich dabei die Schuhe dreckig machen konnten, den dort ging man auch hin um sein Gesch\u00e4ft zu verrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich, wie der Service im Axel Hotel aussehen wird. Wird er auf &#8222;das Gesch\u00e4ft&#8220; spezialisiert sein? Wie werden sich die Kellner und die Rezeptionisten kleiden?&nbsp; Werden sie halbnackt sein? Und wird es dort Fitness oder Bodybuilding geben? Wie werden die muskul\u00f6sen Angestellten auf die W\u00fcnsche einer Drag Queem aus Massachusetts oder Berlin reagieren? Werden sie auch f\u00fcr Sex zur Verf\u00fcgung stehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Kann sich der werte Leser vorstellen, was der l\u00e4ngst begrabene Diktator sagen w\u00fcrde, wenn er erf\u00e4hrt, dass sein Bruder Ra\u00fal und seine Marionette D\u00edaz Canel ein Hotel gebaut haben, um &#8222;Freaks&#8220; unterzubringen? \u201eFreaks\u201c die jenen Freaks \u00e4hneln, die sich im Hotel Capri versammelten, die den b\u00e4rtigen Chef so \u00e4rgerten und die er ohne Skrupel &#8222;Freaks&#8220; nannte?<\/p>\n\n\n\n<p>Was werden die sagen, die nicht durchgehalten haben und heute tot sind? Was werden die sagen, die in den Selbstmord getrieben worden sind? Was werden die Angeh\u00f6rigen der Toten und die Geister der Toten sagen? Was werden die Menschen sagen, die von Luis Pav\u00f3n und Papito Serguera zensiert und stigmatisiert wurden? Und was werden die Zensoren Papito Serguera und Luis Pav\u00f3n selber sagen? Werden sie wieder sterben, dieses Mal vor Wut, vor Emp\u00f6rung? Was werden La Eterna und Albertico Ya\u00f1ez und \u00c1ngel Herrera und so viele, viele andere sagen? So viele, so viele andere! Was werden wir selbst sagen? Und was werden wir selbst tun? Wird das \u00fcbliche Schweigen die Antwort sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Es macht mich sehr w\u00fctend, dass sie uns jetzt f\u00fcr dumm verkaufen. Es ist emp\u00f6rend, dass die korrupten Kassen des Regimes mit dem Schwei\u00df der Schwulen gef\u00fcllt werden, die aus der ganzen Welt kommen werden, um kubanisches Fleisch zu genie\u00dfen. Das Fleisch jener Sexarbeiter, die immer noch wegen fehlender Aufenthaltsgenehmigung in ihre bitterarmen D\u00f6rfer auf dem Land abgeschoben werden. K\u00f6nnte es sein, dass sie jetzt befristete Jobs haben werden, um die Touristen zu betreuen, die im Hotel Axel \u00fcbernachten? K\u00f6nnte es sein, dass die Sexarbeiter jetzt Selbstst\u00e4ndige sind, die Steuern bezahlen? K\u00f6nnte es sein, dass die Diktatur nicht mehr daran interessiert sind, dass ihre Homophobie ein Hindernis f\u00fcr ihre schamlose Bereicherung darstellt? K\u00f6nnte es sein, dass sie beschlossen haben, das Hotel am Parque Central zu bauen, weil sich dort die Gesch\u00e4ftszentrale der Sexarbeiter befindet? Sie haben alles durchdacht! Sie haben alles sehr gut durchdacht!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einleitung und \u00dcbersetzung von Fernando Rivas<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Devisenbringer willkommen \u2013 LGBT-Kubaner weiter diskriminiert In der Altstadt von Havanna wurde ein neues Hotel er\u00f6ffnet. Das Axel-Hotel ist das erste Hotel in Kuba das offiziell LGBT-friendly ist. Kritiker sehen dies als einen weiteren Versuch des \u201ePink-Washings\u201c einer homophoben Diktatur und Gesellschaft. Die Zeiten, in denen das Regime Schwule ins Arbeitslager steckte, sind zwar vorbei, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2370,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[59,45,116,64,32,147,146,57],"class_list":["post-2369","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kuba","tag-cuba","tag-diktatur","tag-freiheit","tag-havanna","tag-kuba","tag-lgbt","tag-lgbtq","tag-menschenrechte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2369"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2383,"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2369\/revisions\/2383"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2370"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}