{"id":2884,"date":"2023-03-29T09:48:21","date_gmt":"2023-03-29T09:48:21","guid":{"rendered":"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=2884"},"modified":"2023-03-29T10:00:09","modified_gmt":"2023-03-29T10:00:09","slug":"ich-habe-keinen-psychiater-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=2884","title":{"rendered":"<strong>Ich habe keinen Psychiater mehr<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ich habe keinen Psychiater mehr<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<p><strong>Von Jorge Angel Perez*&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>M<\/strong>ein Fernseher steht im Esszimmer. Ich hoffe, der Leser sieht in diesem Umstand nicht nur ein Zeichen von Seichtheit. Ich erw\u00e4hne dieses kleine Detail, weil ich dank des Standorts des Apparats die Fernsehnachrichten mit \u201emeinem Abendessen&#8220; verbinden kann. Ich setze ganz bewusst Anf\u00fchrungszeichen, denn das \u201eAbendessen\u201c erweckt jeden Tag den Anschein, dass es mein letztes sein k\u00f6nnte. Es ist so karg, dass der Hungertod jeden Moment eintreten k\u00f6nnte, obwohl in meinem Fernseher st\u00e4ndig \u00fcber die vielen Erfolge und Errungenschaften der kubanischen Landwirtschaft und Viehzucht gesprochen wird\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Auch mein Mittagessen findet fast immer zur Sendezeit der nationalen Nachrichtensendung statt. Abgesehen vom Wetterbericht interessieret mich diese Propagandashow herzlich wenig. Aber auch der Wetterbericht ist im tropischen Kuba meistens recht eint\u00f6nig.&nbsp; Der Abwasch dagegen kann mit jeder x-beliebigen Sendung zusammenfallen, die nach den Nachrichten gesendet wird. Zu meinem Gl\u00fcck kann ich den Fernseher auch vom Sp\u00fclbecken aus sehen. So kam es, dass ich, halb sp\u00fclend, halb fernsehend, die Sendung &#8222;Todo con Tony&#8220; (Alles mit Tony) entdeckte, eine Sendung, in der dieser Tony, der mit Nachnamen Arroyo hei\u00dft, seinem Gast Fragen stellte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>B<\/strong>is jetzt w\u00e4re an dieser Sendung und diesen Zeilen nichts Besonderes, wenn nicht meine Psychiaterin dort interviewt worden w\u00e4re. Auf dem Bildschirm war die \u00c4rztin zu sehen, die versucht hat, die Depressionen zu bek\u00e4mpfen, die mich plagen. Die Psychiaterin, die sich bem\u00fcht hat, mein Kurzzeitged\u00e4chtnis wiederherzustellen. Jenes Ged\u00e4chtnis, das bei mir immer mehr verblasst und das Leben schwieriger, ja sogar erschreckend und verzweifelt macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich leide sehr unter dem Verlust meines Kurzzeitged\u00e4chtnisses. Noch schlimmer aber ist, dass es \u00e4u\u00dferst schwierig ist, die von meiner Psychiaterin empfohlenen Medikamente zu finden. Meine Psychiaterin, die Frau Doktor Rosario sprach im Fernsehen \u00fcber psychische Erkrankungen und dessen Behandlungen, w\u00e4hrend ich dar\u00fcber nachdachte, wie schwierig es ist, an Sertralin oder Alprazolam zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sprach und ich dachte \u00fcber meine Medikamente nach, \u00fcber den Mangel an meinen Medikamenten. Sie sprach \u00fcber psychische Krankheiten und ich dachte an meine Freunde im Ausland, die daf\u00fcr sorgen, dass mir die Medikamente nicht ausgehen. Sie sprach im Fernsehen und ich war sogar stolz auf meine Psychiaterin. Ich war sogar so begeistert, sie im Fernsehen zu entdecken, dass ich annahm, dass sie, wenn sie \u00fcber ihre Patienten sprach, mich und meine Beschwerden meinte. Daran dachte ich, als ich sie anrief, um einen Termin zu vereinbaren. Aber Niemand ging es Telefon, ich h\u00f6rte nur immer wieder das Tuten in der Leitung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>S<\/strong>p\u00e4ter erfuhr ich, dass die \u00c4rztin meine Anrufe nicht mehr entgegennahm, zumindest nicht unter dieser Nummer in Havanna. Meine Psychiaterin war nicht in Havanna, und auch nicht auf Kuba. Das kubanische Fernsehen ist so lahm, dass wir ein Interview mit jemandem sehen k\u00f6nnen, der das Land vor sechs Monaten verlassen hat oder gestorben ist. Rosario, meine Psychiaterin, war nicht mehr auf Kuba, als sie im kubanischen Fernsehen auftrat. Sie hatte einige Monate zuvor ihr Haus verkauft und das Land verlassen. Rosario ist gegangen, wie Laura. Rosario ist nicht mehr da, zumindest nicht in ihrem \u00fcblichen Haus, nicht im Krankenhaus und nicht in ihrer Praxis. Rosario lebt jetzt in New York.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Psychiaterin, die entschlossen war, meine geistige Gesundheit und das Kurzzeitged\u00e4chtnis, das ich verloren habe, wiederherzustellen, geh\u00f6rt heute zu den Tausenden von Kubanern, die das Land in den letzten Monaten verlassen haben. Wahrscheinlich kann sie ihren Beruf in New York nicht mehr aus\u00fcben. Wahrscheinlich empfindet Rosario Nostalgie, wenn sie sich an Havanna, ihren wei\u00dfen Kittel und ihre Patienten erinnert. Rosario ist weg und ich habe keinen Psychiater mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie ihr psychiatrisches K\u00f6nnen nicht mehr unter Beweis stellen kann. Sicher ist aber, dass sie, wenn sie etwas vermisst und Kummer versp\u00fcrt, sich damit tr\u00f6sten kann, von einem hohen Fenster aus auf New York zu schauen, von wo aus sie die Stadt besingen k\u00f6nnte, wie es einst Frank Sinatra tat.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201cStart spreading the news\/ I\u2019m leaving today\/ I want to be part of it\/ New York, New York\u201c. So k\u00f6nnte Rosario singen und aus der Ferne an Havanna denken. Sie k\u00f6nnte auf New York schauen und an Havanna denken, an das viele Elend in dieser Stadt, im ganzen Land. Vielleicht denkt Rosario als Psychiaterin auch an die Kranken, die zur\u00fcckgeblieben sind.&nbsp; An die Patienten in der psychiatrischen Abteilung der \u201eKlinik des 26 Julis\u201c. An die vielen psychisch kranken Menschen und vielleicht auch an mich, und fragt sich, wie es meinem Ged\u00e4chtnis und meinem Kopf geht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R<\/strong>osario ging, wie viele andere auch: Psychiater, Chirurgen, Ingenieure, Lehrer, Prostituierte und Stricher, Schauspieler und S\u00e4nger, Diebe, Polizisten, Ex-Str\u00e4flinge, Katholiken, Protestanten, Homosexuelle und Homophobe. Schwarze und Wei\u00dfe gingen, aber auch Rote und Gr\u00fcne. Es sind Gute und B\u00f6se gegangen und viele mehr. So viele sind gegangen, dass ich die Freude der Kommunisten sp\u00fcre, die sich derer entledigt haben, die ihnen zu unbequem waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosario ist gegangen, wie Laura auch.&nbsp; Andere werden ihnen folgen; viele andere sind dabei, irgendwohin zu gehen, nur weg aus Kuba. Viele werden am n\u00e4chsten 11. Juli (11. Juli 2021, Tag der gr\u00f6\u00dften Proteste seit 1959, Anmerkung des \u00dcbersetzers) oder an einem der kommenden 27. November (am 27.11. 2020, zogen hunderte K\u00fcnstler vor das Kultusministerium und forderten ein Ende der Zensur, Anmerkung des \u00dcbersetzers) fehlen. Viele von denen, die am Tag der Arbeit f\u00fcr das Regime demonstriert haben, sind gegangen. Diejenigen, die den Angriff auf die Moncada, die Landung der Granma und die CDR (Komitees zur Verteidigung der Revolution, kontrollieren die Nachbarn, \u00e4hnlich wie&nbsp; Blockwarte zur NS-Zeit, Anmerkung des \u00dcbersetzers) gefeiert haben, werden ebenfalls gehen. Werden die W\u00e4hler der Abgeordneten gehen, sogar einige Abgeordnete, werden der Son, der Tabak und der Rum gehen, werden die Gener\u00e4le und \u00c4rzte gehen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>W<\/strong>erden wir ihnen das Land \u00fcberlassen? Werde ich allein gelassen? Werden die kubanischen \u00c4rzte in der T\u00fcrkei bleiben? Werden die Schauspieler bleiben, damit die 2. Staffel der Telenovela gedreht werden kann? Werden die Abgeordneten bleiben oder die S\u00f6hne der M\u00e4chtigen bleiben? Werden viele Eli\u00e1n Gonzales zur\u00fcckkommen? Wer wird bleiben? Wie viele werden bleiben? Wer wird noch gehen? Werde ich alleine zur\u00fcckbleiben? Ich frage mich, wie Kuba von oben aussehen wird? Ob es noch Lichter auf der Insel geben wird? Oder macht der Letzte hier dann das Licht aus?<\/p>\n\n\n\n<p>Wird es keine Psychiater mehr geben? Wird es keinen Bedarf an Psychiatern geben? Was wird Kuba dann sein? Werden wir nicht sein, werden wir das Nichtsein sein? Werden wir das Anderssein sein? Wird aus jedem Kommunisten ein Gusano (Wurm, Schimpfwort der Diktatur f\u00fcr Andersdenkende, Anmerkung des \u00dcbersetzers)? Sind wir wirklich nicht in der Lage, diese &#8222;geliebte Gewohnheit&#8220; aufzugeben, einfach die T\u00fcren zu schlie\u00dfen, das Licht auszuschalten und zu gehen, einfach abzuhauen? Denn soviel ist klar: die vielen Fluchten, machen die H\u00f6lle in der wir leben, die Castro-H\u00f6lle, nur noch langlebiger. Wenn die Unzufriedenen alle Weg sind, bleiben nur noch die Ja-sager zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u00dcbersetzung von Fernando Rivas<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Foto-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2885\" srcset=\"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Foto-768x1024.jpg 768w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Foto-225x300.jpg 225w, https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Foto.jpg 810w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>*Der oppositionelle kubanische Schriftsteller Jorge Angel Perez ist aufgrund von Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Vor kurzem verlor er seine Psychiaterin, die sich aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Lage wie zigtausende Kubaner entschlossen hat die Insel zu verlassen. In diesem Essay formuliert er seine Gedanken zur massiven Auswanderungswelle die Kuba seit beinahe 2 Jahren fest im Griff hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe keinen Psychiater mehr Von Jorge Angel Perez*&nbsp; Mein Fernseher steht im Esszimmer. Ich hoffe, der Leser sieht in diesem Umstand nicht nur ein Zeichen von Seichtheit. Ich erw\u00e4hne dieses kleine Detail, weil ich dank des Standorts des Apparats die Fernsehnachrichten mit \u201emeinem Abendessen&#8220; verbinden kann. 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