{"id":3329,"date":"2024-03-02T17:14:02","date_gmt":"2024-03-02T17:14:02","guid":{"rendered":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=3329"},"modified":"2024-03-25T22:41:17","modified_gmt":"2024-03-25T22:41:17","slug":"waren-die-berlinale-gaeste-dumm-oder-antisemitisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/botschafter-menschenrechte.de\/?p=3329","title":{"rendered":"Waren die Berlinale-G\u00e4ste dumm oder antisemitisch?"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Waren die Berlinale-G\u00e4ste dumm oder antisemitisch?<\/h1>\n\n\n\n<p><strong>Von Ansgar Graw.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/politik\/michael-wolffsohn-waren-die-berlinale-gaeste-dumm-oder-antisemitisch\">Artikel<\/a> zuerst erschienen 28. Februar 2024 in <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/\">The European<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nie wieder oder so \u00e4hnlich: Michael Wolffsohns scharfsinniges Buch \u00fcber alten und neuen Antisemitismus beleuchtet, welche unterschiedlichen Lehren Deutsche und Juden aus dem Holocaust zogen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/fileadmin\/_processed_\/a\/0\/csm_Berlinale_2024_Preisgala_e62a8f24de.webp\" alt=\"Berlinale, Preisverleihung, Basel Andra, Yuval Abraham, Picture Alliance\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das pal\u00e4stinensisch-israelische Regieduo Basel Adra (l) und Yuval Abraham erhielt bei der Berlinale-Gala den Preis f\u00fcr die Dokumentation &#8222;No Other Land&#8220;, aber begeisterte das Publikum noch mehr mit einseitigen Statements zum Krieg in Gaza. FOTO: PICTURE ALLIANCE<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer an der neuen deutschen Leidenschaft der Daueremp\u00f6rung \u00fcber Israel verzweifelt bei gleichzeitiger Versicherung, nat\u00fcrlich kein Antisemit zu sein, der findet Trost bei Michael Wolffsohn. Der M\u00fcnchner Historiker und Nahostexperte ist in der Befassung mit dem seit einem Dreivierteljahrhundert explosivsten Flecken der Erde die Stimme der ordnenden Vernunft. Wenn etwa dieselben prominenten G\u00e4ste der Abschlussgala der Berlinale, die an jenem Abend in den kollektiven Beifall f\u00fcr kontrafaktische \u201eGenozid\u201c-Attacken gegen Israel einstimmten, am n\u00e4chsten Tag versicherten, wie entsetzt sie \u00fcber viele der \u00c4u\u00dferungen auf der B\u00fchne gewesen seien, dann vermag der scharfe Analytiker Wolffsohn zwischen echtem Antisemitismus und mitlaufender Dummheit zu differenzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDass die Preisgala der Berlinale das Leid der Gaza-Pal\u00e4stinenser thematisiert, ist zwar ungew\u00f6hnlich, aber weder unmoralisch noch piet\u00e4tslos\u201c, kommentierte Wolffsohn im DeutschlandRadio. \u201eEs ist verst\u00e4ndlich, selbst einen Steinwurf vom Holocaust-Mahnmal entfernt.\u201c Und der 1947 in Pal\u00e4stina geborene Sohn einer vor dem Nationalsozialismus gefl\u00fcchteten j\u00fcdischen Kaufmannsfamilie schloss den richtigen Hinweis an, das Pal\u00e4stinenserleiden k\u00f6nne \u201eunverz\u00fcglich aufh\u00f6ren, wenn die Hamas kapituliert und die israelischen Geiseln freil\u00e4sst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Den eifrigen Applaus f\u00fcr die Forderung des israelisch-pal\u00e4stinischen Preistr\u00e4gerduos Yuval Abraham und Basel Adra, keine Waffen mehr an Israel zu liefern, kommentierte Wolffsohn so: \u201eDas deutsche Publikum jubelte \u2013 Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.\u201c Immerhin sei Deutschland angesichts von aus Israel gelieferten Raketen und Drohnen \u201emehr von Israels Waffen abh\u00e4ngig als Israel von deutschen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolffsohn, dessen Familie 1954 in die deutsche Heimat zur\u00fcckkehrte, um hier uns\u00e4gliche Zumutungen bei dem Versuch des R\u00fcckerhalts des \u201earisierten\u201c Familienbesitzes zu erfahren, hat soeben ein bemerkenswertes Buch vorgelegt. \u201eNie wieder? Schon wieder!\u201c, lautet der Titel, und die Satzzeichen entlarven das Phrasenhafte in der deutschen Debatte \u00fcber die Situation der Juden in Deutschland. \u201eNie wieder\u201c d\u00fcrften sie um Gesundheit, Leben und Wohlergehen f\u00fcrchten m\u00fcssen, wird seit Ende des Zweiten Weltkriegs mit anf\u00e4nglich wenig Emphase und inzwischen wohlt\u00f6nendem Timbre versichert, stets mit Ausrufezeichen. Dass dieses Versprechen zumindest in der N\u00e4he der Realit\u00e4t angesiedelt sei, mag man auf der Besucherempore des Bundestages oder in der Kuscheligkeit von Kirchentagen glauben, aber nach allem, was man so h\u00f6rt, wohl nicht mehr dann, wenn man mit einer Kippa durch Berlin-Neuk\u00f6lln oder viele andere Stadtteile in Deutschland gegangen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Neonazis treiben hierzulande weiter ihr Unwesen, und f\u00fcr jemanden, dessen Familie bewusst zur\u00fcckkehrte ins demokratische Deutschland und hier vor Gerichten Dem\u00fctigungen erlebte von einem juristischen Personal, das zum gro\u00dfen Teil schon w\u00e4hrend des Nationalsozialismus (Un-)recht pflegte, muss dies schmerzlich sein. Aber Wolffsohn listet die Quellen der Gefahren, die zum \u201eSchon wieder\u201c (und hier setzt er sein Ausrufezeichen) n\u00fcchtern so auf, wie es der Untertitel signalisiert: \u201eAlter und neuer Antisemitismus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wolffsohn benennt die Gefahr von Rechtsau\u00dfen, denn nat\u00fcrlich gebe es \u201edie neuen Nazis in den verschiedensten Auspr\u00e4gungen\u201c und sie seien \u201ef\u00fcr andere Juden und mich mordsgef\u00e4hrlich\u201c. Doch er setzt sie in eine Relation, die dem politisch-korrekten Weltbild in die Quere kommt: \u201eDie Neualtrechte ist die drittgr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr die Juden. Die zweitgr\u00f6\u00dfte Gefahrenquelle f\u00fcr Diaspora- und Israeljuden sind die Linken und Linksliberalen, vor allem die vereinigten \u201aPostkolonialisten\u2018 aller L\u00e4nder. F\u00fcr sie ist die sechsmillionenfache Judenvernichtung eine unbedeutende Auseinandersetzung innerhalb der \u201awei\u00dfen Rasse\u2018. Das Megaverbrechen der Menschheitsgeschichte ist f\u00fcr sie der Kolonialismus des wei\u00dfen Mannes, und Israel erscheint als die Speerspitze des Kolonialismus. (\u2026) Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr droht heute und in absehbarer Zukunft den Juden der Diaspora ebenso wie erst recht in Israel aus der in- und ausl\u00e4ndischen islamischen Welt. \u201d<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/fileadmin\/user_upload\/uploads\/2024\/02\/Screenshot_2024-02-28_at_12.56.31_PM.png\" alt=\"Buchcover Wolffsohn, Alter und neuer Antisemitismus\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Linker Antisemitismus? Er entwickelte sich keineswegs erst in den vergangenen Wochen durch den Frust \u00fcber die hohen Opferzahlen in der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung Gazas w\u00e4hrend des israelischen Vorgehens gegen die Hamas. Der Autor erinnert vielmehr: \u201eEin geplanter und gottlob missgl\u00fcckter, von den meisten l\u00e4ngst vergessener deutsch-pal\u00e4stinensischer Terrorakt f\u00fchrt zum 9.&nbsp;November 1969. Damals versuchten die \u201aTupamaros Westberlin\u2018 ein Bombenattentat auf Heinz Galinski, den damaligen Vorsitzenden der J\u00fcdischen Gemeinde zu Berlin.\u201c Es handelte sich, diese erg\u00e4nzenden Informationen seien dem Rezensenten gestattet, um einen Anschlag auf einen Festakt mit gut 250 Besuchern im J\u00fcdischen Gemeindehaus, darunter viele \u00dcberlebende des Holocaust. Unter einem Mantel in der Garderobe tickte eine Brandbombe, die nur aufgrund eines technischen Fehlers nicht z\u00fcndete. Damals wurde zun\u00e4chst ein rechtsextremistisches Motiv vermutet, bis die Ermittlungen ergaben, dass Linksterroristen um Dieter Kunzelmann, ausgebildet von der Fatah im Guerillakampf, \u201eZionisten\u201c umzubringen versucht hatten. Diejenigen Deutschen, die davon heute noch wissen, d\u00fcrften sich im niedrigen Promillebereich bewegen. Und die Gr\u00fcnen m\u00f6gen verdr\u00e4ngt haben, dass ihr einstiger Berliner Landesverband, die Alternative Liste, eben jenen Judenj\u00e4ger Kunzelmann in den 1980er Jahren als ihren Abgeordneten ins Berliner Abgeordnetenhaus schickte. Wer linksau\u00dfen Bomben bastelte, durfte auf mehr Nachsicht hoffen als wer heutzutage in Potsdam rechtsau\u00dfen \u00fcber Remigration schwafelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum Buch von Wolffsohn. Er, der in Israel Wehrdienst geleistet hat und nach dem Studium in Berlin, Tel Aviv und New York bis 2012 als Professor f\u00fcr Neuere Geschichte an der Universit\u00e4t der Bundeswehr in M\u00fcnchen lehrte, schreibt, offenkundig mit Blick auf das aktuelle Sterben und T\u00f6ten in Gaza: \u201eWer \u00fcber die Gewaltanwendung bei Krieg, Guerilla (Kleinkrieg) und Terror spricht, und urteilt, sollte erst die Gesetze dieser Gewalt kennen und erst dann urteilen oder verurteilen. Der Guerillero bzw. Partisan missbraucht die eigene Zivilbev\u00f6lkerung \u00fcberall und immer als Kanonenfutter. Der Terrorist kennt keine Scheu, auch unbeteiligte Zivilisten zu ermorden.\u201d Und er erinnert daran, dass wir das Kriegsende 1945 heute als \u201eBefreiung\u201c verkl\u00e4ren, w\u00e4hrend \u201edie Alliierten im Zweiten Weltkrieg Millionen Deutsche und ihre Helfer t\u00f6teten, um das deutsche Massenmorden zu beenden\u201c. Dieses \u201eT\u00f6ten, um das Morden zu beenden\u201c wird im R\u00fcckblick gefeiert. Und derzeit versucht Israel, Hamas-Terroristen zu t\u00f6ten, um nicht erneut jenes Morden zuzulassen, das mit dem 7. Oktober 2023 in Gestalt des Terrorangriffs der Hamas aus dem Gaza-Streifen samt der Ermordung von mindestens 1139 Menschen zu den Juden zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJ\u00fcdisches Leben war, ist und bleibt Existenz auf Widerruf\u201c, so Wolffsohn unter Verweis auf die \u201epermanente Lebensgefahr \u2013 \u201adie\u2018 Deutschen kennen sie nicht, \u201adie\u2018 Juden seit 3000 Jahren.\u201c Das l\u00e4sst Geschichte g\u00e4nzlich unterschiedlich erfahren: \u201e\u2018Die\u2018 Deutschen haben aus der Geschichte gelernt, Gewalt sei als Mittel der Politik nicht legitim. \u201aDie\u2018 Juden haben aus derselben Geschichte \u2013 auf der anderen Seite stehend \u2013 gelernt: Ohne Gewalt, verstanden als Wehr- oder ggf. Angriffsf\u00e4higkeit, droht Untergang.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kluges und in vielen Punkten gegen den Strich b\u00fcrstendes Buch \u2013 nicht nur dem applaudierenden Berlinale-Publikum zur Lekture empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Michael Wolffsohn: Nie wieder? Schon wieder! Alter und neuer Antisemitismus. Verlag Herder, Freiburg, gebunden, 96 Seiten, 12 EUR<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Waren die Berlinale-G\u00e4ste dumm oder antisemitisch? Von Ansgar Graw. Artikel zuerst erschienen 28. Februar 2024 in The European Nie wieder oder so \u00e4hnlich: Michael Wolffsohns scharfsinniges Buch \u00fcber alten und neuen Antisemitismus beleuchtet, welche unterschiedlichen Lehren Deutsche und Juden aus dem Holocaust zogen. 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