Die Wiederverwertung der Demütigung

Von Medhat Klada*

Nicht jede Ungerechtigkeit wird mit Gewalt aufgezwungen. Manche Formen des Unrechts überleben und bestehen fort, weil ihre Opfer sich an sie gewöhnt haben, weil ihre Zeugen darüber schweigen und weil Institutionen, die eigentlich die Stimme der Wahrheit sein sollten, die Sicherheit der Konfrontation vorgezogen haben. Hieraus entsteht eines der gefährlichsten menschlichen und politischen Phänomene: die Wiederverwertung der Demütigung.

Die Wiederverwertung der Demütigung ist nicht bloß die Fortsetzung von Unterdrückung; sie ist ihre ständige Reproduktion von Generation zu Generation, bis sie Teil des kollektiven Bewusstseins wird. Sie ist jener Moment, in dem Angst zu einer Kultur wird, Schweigen zu einer Tugend, der Verzicht auf Rechte zu angeblicher Weisheit und die Akzeptanz von Unrecht zu einer Form falscher Religiosität.

Die Kopten haben im Laufe ihrer langen Geschichte die Bedeutung von Verfolgung kennengelernt. Doch sie haben ebenso die Bedeutung des Widerstands kennengelernt. Die wahre Geschichte der Kopten ist nicht lediglich die Geschichte von Opfern; sie ist die Geschichte eines Volkes, das sich in vielen Epochen geweigert hat, sich dem Unrecht zu beugen.

In verschiedenen Zeitaltern erhoben sich die koptischen Ägypter gegen ungerechte Steuerlasten, gegen Diskriminierung und gegen die systematische Erniedrigung, die auf ihre menschliche Würde zielte. Diese Aufstände waren nicht bloß wirtschaftliche Proteste; sie waren existenzielle Schreie zur Verteidigung des Menschen und seines Rechts, mit erhobenem Haupt zu leben.

Über viele Jahrhunderte hinweg verstanden die Kopten Ägyptens, dass Glaube nicht bedeutet, sich dem Unterdrücker zu ergeben, dass Gebet kein Ersatz für Würde ist und dass Gott den Menschen nicht geschaffen hat, damit er als Sklave eines anderen Menschen lebt.

Doch die historische Tragödie lag nicht immer in der Stärke des Unterdrückers. Manchmal lag sie in der Schwäche der Unterdrückten. Und diese Schwäche war nicht immer nur das Ergebnis von Angst. Oft war sie das Ergebnis eines langen Diskurses, der die Menschen davon überzeugte, dass Schweigen eine absolute Tugend sei, dass das Ertragen von Unrecht eine religiöse Pflicht sei und dass das Einfordern von Rechten ein Akt des Ungehorsams wäre.
Hier beginnt der Kreislauf der Wiederverwertung der Demütigung.

Wenn der Mensch aufhört, dem Unrecht zu widerstehen – im Namen der Klugheit; wenn er aufhört, seine Rechte einzufordern – im Namen der Geduld; wenn er aufhört, seine Würde zu verteidigen – im Namen der Demut; dann verwandelt sich Religion von einer Botschaft der Befreiung in ein Instrument der Rechtfertigung, und der Glaube wird von einer geistlichen Kraft zu einem Zustand psychologischer Unterwerfung.

Besuch von Präsident Abdel Fattah el-Sisi und Papst Tawadros II. in der Kathedrale der Geburt Christi während der Eröffnungsfeier der koptischen Kathedrale in der neuen ägyptischen Verwaltungshauptstadt, ca. 45 km östlich von Kairo, im Januar 2019.

Kein Segen für Unterdrückung

Das Christentum war niemals eine Religion der Demütigung. Christus schwieg nicht angesichts religiöser Heuchelei. Er segnete keine politische Unterdrückung. Er rief die Menschen nicht dazu auf, die Angst anzubeten. Vielmehr stellte er sich der korrupten religiösen Autorität entgegen, entlarvte ihre Falschheit und begegnete moralischem Unrecht mit außergewöhnlichem Mut.

Als Christus sagte: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“, stellte er die Freiheit in das Herz der christlichen Botschaft. Freiheit ist keine importierte politische Idee. Sie ist ein tiefes Prinzip des Evangeliums. Der Christ ist nicht dazu berufen, die Macht anzubeten, sondern die Wahrheit. Er ist nicht dazu berufen, die Angst zu heiligen, sondern Zeugnis für die Wahrheit abzulegen – unabhängig vom Preis.

Daraus ergibt sich eine schmerzhafte Frage: Was geschieht, wenn geistliche Führer angesichts des Unrechts schweigen, das ihre Gläubigen erleiden? Was geschieht, wenn die Aufgabe des Hirten sich von der Verteidigung der Herde zur Aufforderung an die Herde verwandelt, zu schweigen?

Was geschieht, wenn die Pflege guter Beziehungen zur Macht wichtiger wird als die Wahrung der Würde der Gläubigen? In manchen historischen Momenten ist Schweigen keine Neutralität – es ist eine Stellungnahme. Sich nicht auf die Seite der Unterdrückten zu stellen, kann in der Praxis bedeuten, sich auf die Seite der Unterdrücker zu stellen. Wenn dieses Schweigen sich wiederholt und zu einer dauerhaften Politik wird, wird es Teil des Systems, das die Demütigung immer wieder reproduziert.

Damit beabsichtige ich nicht, eine ganze Geschichte oder jene Geistlichen zu verurteilen, die große Opfer für ihr Volk gebracht haben. Die koptische Geschichte ist reich an Patriarchen, Bischöfen, Mönchen und Dienern Gottes, die einen hohen Preis für die Verteidigung des Glaubens und des Menschen gezahlt haben.

Doch die Geschichte kennt auch andere Momente, in denen die Logik der Sicherheit über die Logik des Zeugnisses siegte und die Logik des Schweigens die Stimme der Prophetie verdrängte.

Die Kirche ist nicht bloß eine Institution zur Bewahrung von Ritualen. Sie ist das moralische Gewissen der Gesellschaft. Und wenn das Gewissen seine Stimme verliert, wird die Gesellschaft anfälliger für Unrecht. Das Gefährlichste, was einem Volk widerfahren kann, ist nicht die Verfolgung selbst, sondern die Gewöhnung an die Verfolgung. Denn wenn der Mensch sich an die Demütigung gewöhnt, beginnt er, sie zu verteidigen.

Jeder, der Würde fordert, wird beschuldigt, Probleme zu verursachen. Jeder, der seine Stimme für Gerechtigkeit erhebt, gilt in den Augen der an das Schweigen Gewöhnten als verantwortungslos.

So dreht sich das Rad weiter. Eine Generation leidet unter Unrecht. Eine Generation lernt zu schweigen. Eine Generation erbt die Angst. Und schließlich entsteht eine neue Generation, die nicht einmal mehr weiß, dass Freiheit einst ein natürliches Recht des Menschen war.

Doch die Geschichte lehrt uns, dass dieser Kreislauf kein ewiges Schicksal ist. Imperien, die sich für unsterblich hielten, sind gefallen. Systeme, die ihre Macht auf Angst gründeten, sind zusammengebrochen. Kräfte, die über Waffen, Geld und Einfluss verfügten, sind verschwunden. Doch die Idee der Freiheit blieb bestehen.

Bischof Anba Damian, Metropolit von Norddeutschland und Abt des Klosters der Heiligen Jungfrau Maria und des Heiligen Mauritius in Höxter, Deutschland mit dem koptischen Papst

Zukunft kann nicht auf Angst und Demütigung aufgebaut werden

Die Freiheit ist stärker als Gefängnisse. Die Wahrheit lebt länger als jede Macht. Die Würde reicht tiefer als die Angst. Die Zukunft der Kopten – ja, die Zukunft ganz Ägyptens – kann nicht auf der Verwaltung von Angst oder auf der Wiederverwertung der Demütigung aufgebaut werden. Sie muss auf voller Staatsbürgerschaft, auf Gleichheit vor dem Gesetz, auf dem Mut zur Wahrheit und auf einem authentischen christlichen Glauben aufgebaut werden, der im Menschen das Ebenbild Gottes erkennt und sich weigert, dieses göttliche Ebenbild in irgendeinem Menschen erniedrigen zu lassen.

Die Zeit ist gekommen, den Kreis der überlieferten Demütigung zu durchbrechen. Die Zeit ist gekommen, Geduld als Stärke und nicht als Unterwerfung zu verstehen; Demut als Tugend und nicht als Kapitulation; Liebe als Verteidigung des Menschen und nicht als Rechtfertigung seines Unrechts. Denn der Herr hat den Menschen nicht geschaffen, damit er erniedrigt lebt. Er hat ihm die Freiheit nicht geschenkt, damit er sie aufgibt. Und er hat sein göttliches Ebenbild nicht in ihn gelegt, damit er Beleidigung und Erniedrigung als Schicksal akzeptiert.

Deshalb werden Freiheit, Sicherheit und Würde die Hoffnung bleiben, nach der wir streben. Und jede Stimme, die Unrecht ablehnt, jede Feder, die Demütigung entlarvt, und jeder Mensch, der an seinem Recht auf volle Staatsbürgerschaft festhält, wird Zeugnis davon ablegen, dass die Geschichte der Kopten niemals eine Geschichte der Unterwerfung war. Sie ist die Geschichte eines Volkes, das daran glaubt, dass Gott den Menschen frei erschaffen hat – und dass Freiheit kein Geschenk eines Herrschers ist, sondern eine Gabe Gottes selbst.

Bilder: EUCHOR

*Unser Autor Medhat Klada ist Schriftsteller und Präsident der koptischen Menschenrechtsorganisation EUCHOR

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