Die entscheidenden Jahre für die DDR-Forschung sind genau jetzt

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der SED-Diktatur braucht eine langfristige Perspektive. Sie zu schaffen, ist Aufgabe der Bundesforschungsministerin. Ein Gastbeitrag von Lars Rohwer.

IMMER WIEDER treffe ich in meinem beruflichen und privaten Umfeld auf Menschen, die in der DDR aufgrund von Fluchtversuchen, Bespitzelung oder Auflehnung gegen das System Leid und Unrecht erfahren haben. Die Folgen wirken bis heute nach. Die DDR war ein Unrechtsstaat. Als Mitglied des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung ist es mir daher ein besonderes Anliegen, dass die Geschehnisse und Taten dieses Unrechtsstaats weiter erforscht und bekannt werden. 

33 Jahre nach der friedlichen Revolution stehen wir bundesweit, aber auch in den einzelnen Bundesländern noch am Anfang der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Wir brauchen diese Aufarbeitung aber, um die gesellschaftspolitischen Folgewirkungen verstehen und die Vermittlungsangebote verbessern zu können. Die Hochphase der DDR-Forschung ist genau jetzt. Wir müssen die Zeitzeugenberichte mit Psychologen, Soziologen und Historikern für die Forschung begleiten. Jetzt können wir noch erfolgreich Aufarbeitung betreiben. Diese Zeitzeugenberichte bergen ein unglaubliches Potenzial an Erkenntnisgewinn über die Interaktion von Herrschaft und Gesellschaft. Die Geschichte der DDR ist bei weitem nicht vollständig erforscht und auch nicht ausgeforscht. 

In der vergangenen Wahlperiode hat die damalige Große Koalition über die „Richtlinie zur Förderung von Forschungsvorhaben auf dem Gebiet der DDR-Forschung im Rahmenprogramm Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften“ von 2017 bis 2025 die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der DDR und dem SED-Unrecht vorangetrieben. Diese Förderung hatte das Ziel, eine stärkere strukturelle Verankerung der nur schwach entwickelten DDR-Forschung in der deutschen Hochschul- und Forschungslandschaft zu etablieren. 

Auch wenn es in den vergangenen Jahren gelungen ist, das Wissen über die DDR grundlegend zu erweitern und wichtige Impulse für die DDR-Forschung in Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Gedenkstätten zu geben, so konnte das Ziel der Verstetigung der DDR-Forschung in der Wissenschaft und Forschung bisher nicht erreicht werden. Der entscheidende Faktor ist die fehlende Kontinuität. 

Lars Rohwer, Jahrgang 1972, ist in Dresden geboren und aufgewachsen. Seit 2021 ist er Mitglied des Deutschen Bundestages und zuständiger Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für das Thema DDR-Forschung. Foto: Frank Grätz.

Mit der Erforschung dieser Unrechtssysteme werden die Opfer dem Vergessen entrissen

Die Förderung zur Richtlinie teilte sich in zwei Förderphasen. Aufgrund diverser Schwierigkeiten im BMBF kam es in dieser Legislaturperiode zu Verzögerungen in den Bewilligungen und damit zu Förderlücken zwischen den beiden Förderphasen. Die Anzahl der Forschungsverbünde hat sich zwischen der ersten und zweiten Förderphase von 14 auf sieben halbiert. Die Fördergelder sind von 40,8 auf 8,6 Millionen Euro geschrumpft. Dies hat die Bundesforschungsministerin zu verantworten. 

Jetzt ist höchste Zeit zu handeln. Bettina Stark-Watzinger darf die DDR-Forschung nicht im Stich lassen. Es bedarf einer weiteren Richtlinie zur Förderung von Forschungsvorhaben nach dem Ende der aktuellen Förderphase von 2026 an. Zu meiner großen Freude hat die Bundesforschungsministerin am 20. September 2023 genau eine solche angekündigt. Endlich. Doch nun muss sie ihren Worten sichtbare Taten folgen lassen. Es braucht Runde Tische und Verständigungsrunden mit hoher Verbindlichkeit. Die Ministerin muss augenblicklich in die Planungen gehen und dies auch an die Forschungsverbünde kommunizieren. Diese stehen derzeit noch im Regen und wissen nicht, ob und wie es für sie nach 2025 weitergeht. 

Neben der weiteren intensiven Erforschung der SED-Diktatur braucht es eine Perspektivenerweiterung, neue Fragestellungen und andere methodisch-theoretische Zugänge in der DDR-Forschung, die neue Erkenntnisse bringen. Wir müssen die Wirkmechanismen des Kommunismus in Gänze erforschen. Trotz zahlreicher verdienstvoller Forschungen gibt es weiter Themen, die der Erforschung harren. Es bedarf der Fortführung und Erweiterung der Forschung und der Debatte. 

Auch die Vermittlung von Wissen über die DDR steht noch am Anfang und damit die Verankerung der Themen in der universitären Lehre. Die Studierenden von heute sind unsere Lehrerinnen und Lehrer von morgen. Wir müssen sie fit machen für die Vermittlung dieser Themen in den Schulen. Nur so ermöglichen wir der nächsten Generation ein Verständnis über die Folgen und Auswirkungen des Unrechtsstaates.

Die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der realsozialistischen Herrschaft bleiben von besonderer Verantwortung. Es ist eine gesamtdeutsche Aufgabe, die zweite Diktatur auf deutschem Boden im nationalen Gedächtnis nachhaltig zu verankern. Mit der Erforschung der DDR und der Kommunismus-Geschichte werden auch die Opfer dieser Unrechtssysteme dem Vergessen entrissen.

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